Alfred Freiherr von Oppenheim
Dr. h. c. Alfred Freiherr
von Oppenheim
(5. Mai 1934 –
5. Januar 2005)

Sigmar Polke, Acryl auf Leinwand, 1995

 

Am 5. Januar 2005 verstarb Dr. h. c.
Alfred Freiherr von Oppenheim, der
Seniorchef unseres Hauses, im 71. Lebensjahr.

Als direkter Nachkomme des Bankgründers Salomon Oppenheim in der sechsten Generation wurde er in die Privatbankierstradition hineingeboren. Dieses Familienerbe prägte seinen Lebensweg. Einen anderen Beruf zu ergreifen als den des Bankiers, war für ihn nie vorstellbar. Nach seiner Ausbildung in den USA am Amherst College und an der Harvard Business School folgten erste praktische Erfahrungen bei verschiedenen Kreditinstituten wie S. G. Warburg und der Royal Bank of Canada. 1964 trat Alfred Freiherr von Oppenheim als persönlich haftender Gesellschafter in das Bankhaus ein. Während seines 40jährigen Wirkens sah er seine Aufgabe darin, die Grundlagen für die dauerhafte Erhaltung der Unabhängigkeit der Bank zu schaffen. Die wichtigsten Voraussetzungen aus seiner Sicht waren die Geschlossenheit der Familie und unternehmerisches Gespür für die Entwicklungen des Marktes.

Als junger Partner etablierte Alfred Freiherr von Oppenheim das Wertpapiergeschäft als zweite Säule neben dem Kreditgeschäft. Der Anlagebedarf des mehrheitlich im Besitz des Bankhauses befindlichen Colonia-Konzerns sowie der gesamten deutschen Versicherungsbranche war seit den 1960er Jahren stetig gewachsen. Es war Alfred Freiherr von Oppenheims Idee, auf diese Entwicklung mit dem Aufbau der institutionellen Vermögensverwaltung als neuem Geschäftszweig zu reagieren. So wurden 1971 die Oppenheim Kapitalanlagegesellschaft und die Rheinische Kapitalanlagegesellschaft gegründet. Ähnlich zukunftsweisend war die Auslagerung der Finanzanalyse in eine eigenständige Gesellschaft, die heutige Oppenheim Research GmbH.

Unter der Führung Alfred Freiherr von Oppenheims vollzog das Bankhaus einen der bedeutendsten Wendepunkte seiner Geschichte. Im Jahr 1989 veräußerte es seine Mehrheitsbeteiligung am Colonia-Versicherungskonzern. Dies war der bis dahin größte Unternehmensverkauf in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Erlös legte den Grundstein für das langfristige Wachstum der Bank und die Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Auf die erhebliche Stärkung der Eigenkapitalbasis folgte eine grundlegende Umstrukturierung, die einer „Revolution von oben” gleichkam, wie Alfred Freiherr von Oppenheim es selbst formulierte. Auf seine Initiative hin begann in jenen Jahren die Entwicklung des Bankhauses Sal. Oppenheim von einer Universalbank traditioneller Prägung zu einer integrierten Vermögensverwaltungs- und Investmentbank. Aus der Position als Vorsitzender des Aufsichtsrats und des Aktionärsausschusses, die er seit seinem Ausscheiden aus der Geschäftsführung im Jahr 1993 innehatte, entwickelte und begleitete er in den vergangenen zehn Jahren diesen tiefgreifenden Wandlungsprozeß, der Sal. Oppenheim im Wettbewerb nachhaltig gestärkt hat. Der Erwerb der BHF-BANK Ende 2004, der die Oppenheim-Gruppe zur größten Privatbank Europas werden ließ, stellte die Krönung seines Lebenswerkes dar. „Der Kauf bedeutet nicht nur eine enorme konzernweite Expansion unseres Geschäftsumfangs, sondern damit auch eine weitere Festigung unserer Position im Banksektor und unserer Unabhängigkeit. Es ist eine große Freude für uns, mit dem Erwerb ein so traditionsreiches und hochangesehenes Bankhaus wieder in die Privatbankierlandschaft zurückführen zu können”, sagte Alfred Freiherr von Oppenheim anläßlich der Unterzeichnung des Kaufvertrags am 2. Dezember 2004 in Frankfurt am Main. Parallel zur Neuausrichtung der Bank bereitete er mit unternehmerischer Weitsicht den Übergang auf die nächste Generation vor, um die Zukunft des Bankhauses als familiengeführtes Unternehmen auch im 21. Jahrhundert zu sichern. 1998 wurde Matthias Graf von Krockow Sprecher der Bank, im Jahr 2000 sein Sohn Christopher Freiherr von Oppenheim persönlich haftender Gesellschafter.

Zum Anfang dieser Seite Top

Neben seinem Wirken für die Bank lag Alfred Freiherr von Oppenheim insbesondere das Gemeinwohl am Herzen. Von besonderem Interesse waren für ihn die Schnittstellen von Wirtschaft und Politik, so in der Kölner Industrie- und Handelskammer, deren Präsident er bis zuletzt war, und beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, wo er das Amt des Vizepräsidenten innehatte. Der Wirtschaft war er über das Bankhaus hinaus als Inhaber zahlreicher Aufsichtsratsmandate verbunden, beispielsweise bei der AXA S.A. und der RWE Power AG.

Wie kaum ein anderer verkörperte Alfred Freiherr von Oppenheim die internationale Tradition seines Berufsstandes. Er verstand sich als transatlantischer Europäer, dem die deutsch-französische Freundschaft besonders viel bedeutete. Das Werk seines Vaters Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die politische Aussöhnung mit Frankreich zu seiner Sache gemacht hatte, führte er auf seine Weise fort. Fast zwei Jahrzehnte lang war er Präsident der deutsch-französischen Handelskammer. Aber auch auf dem Gebiet der Kultur setzte er Zeichen durch die Unterstützung des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris, das zu einem erstrangigen Ort des Kulturaustauschs geworden ist. Die Republik Frankreich würdigte sein Engagement mit der Verleihung der Kommandeursstufe der Ehrenlegion. Von der Pariser Universität Sorbonne erhielt er die Ehrendoktorwürde. In zahlreichen weiteren Gremien engagierte er sich für die internationale Verständigung, zuletzt als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

Schließlich war Alfred Freiherr von Oppenheim Stiftungsgründer und großzügiger Mäzen. Im Jahr des 200jährigen Bankjubiläums 1989 schuf er die Alfred Freiherr von Oppenheim-Stiftung sowie die von der Bank getragene Salomon Oppenheim-Stiftung. Beide Institutionen haben seither eine Vielzahl von Vorhaben vor allem in den Geisteswissenschaften ermöglicht. Ein Beispiel ist der 1997 errichtete Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim-Lehrstuhl zur Erforschung des Rassismus, Antisemitismus und des Holocaust an der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Daneben stand er zahlreichen Kulturinstitutionen in Deutschland und seiner Vaterstadt mit Rat und Tat zur Verfügung, wie beispielsweise dem Wallraf-Richartz-Museum, dem er als langjähriger Vorsitzender der Freunde und Förderer diente. Die Universität zu Köln unterstützte er in Forschung, Lehre und Nachwuchsförderung. Im Oktober 2004 wurde er dafür mit dem sehr selten verliehenen Titel eines Ehrensenators ausgezeichnet.

Alfred Freiherr von Oppenheim war Unternehmer von ganzem Herzen. Tatkraft, ein klares Urteil, strategisches Denken und ein sicheres Gespür für das richtige Timing zeichneten ihn aus. Unter seiner Führung veränderte sich das Bankhaus wie nie zuvor in seiner mehr als 200jährigen Geschichte. Als Integrationsfigur zwischen den Generationen war er die unumstrittene Leitfigur der Bankfamilie. So hinterläßt sein plötzlicher Tod aus einem aktiven Leben heraus eine schwer zu schließende Lücke. Sein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Ganzen war Alfred Freiherr von Oppenheim stets wichtiger als die eigene Person. Er verstand sich als Baumeister am Haus Oppenheim, das er solide in den Fundamenten und stabil im Aufbau hinterläßt. Dafür schulden ihm Gesellschafter, Aktionäre und Mitarbeiter größten Dank. Seine Lebensleistung bleibt Ansporn und Verpflichtung für uns, die wir nicht vergessen werden.

Der begeisterte Segler und Lyrikfreund markierte im vergangenen Jahr die folgende Textstelle aus dem „Ulysses” des englischen Dichters Alfred Lord Tennyson. Der sterbende Odysseus richtet vom Totenbett aus einen letzten Gruß an seine Matrosen. Die Schlußzeilen lauten:

Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Zum Anfang dieser Seite Top

Das Wirken von Alfred Freiherr von Oppenheim 

Wirtschaft und Politik

  • Industrie- und Handelskammer zu Köln (seit 1974)
  • Deutscher Industrie- und Handelskammertag, Berlin (seit 1999)
  • Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer, Berlin /Paris (seit 1987)
  • Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Berlin (seit 1987)

Wissenschaft

  • Alfred Freiherr von Oppenheim-Stiftung (gegründet 1989)
  • Salomon Oppenheim-Stiftung zur Förderung der Wissenschaften (gegründet 1989)
  • Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim-Lehrstuhl zur Erforschung des Rassismus, Antisemitismus und des Holocaust, Yad Vashem (eingerichtet 1997)
  • Fritz Thyssen Stiftung, Köln (1999–2004)

Kultur

  • Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Paris (gegründet 1997)
  • Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten, Berlin (seit 1994)
  • Freunde des Wallraf-Richartz-Museums und des Museums Ludwig e.V., Köln (seit 1981)
  • Gesellschaft der Freunde von Bayreuth (seit 1979)

Zum Anfang dieser Seite Top